Alexander Skidan im Interview: �Vor einfachen, popul�ren L�sungen muss man sich h�ten.�

Posted: December 5th, 2012 | Author: | Filed under: 01 Texte, 07 Alles | No Comments »

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Im Rahmen der Moskauer Messe f�r intellektuelle Literatur non/fictio?14 veranstaltete das Goethe-Institut gemeinsam mit der Bayerischen Staatsregierung einen Schriftstelleraustausch unter dem Motto �Bayern-Moskau. Die Widerspiegelung der Gegenwart in der Prosa russischer und bayerischer Autoren�. Bekannte bayerische Prosaschriftsteller, darunter die in russischer Sprache verlegten Hans Pleschinski und Georg M. Oswald, trafen w�hrend eines zweit�gigen Arbeitstreffens mit ihren russischen Kollegen Andrej Gelassimow, Natalja Kljutscharjowa, Alexander Ilitschewski, Alissa Ganijewa und Alexander Skidan zusammen, um im Rahmen von Podiumsgespr�chen �ber die Wirklichkeit in beiden L�ndern und die literarische Widerspiegelung der Realit�ten in ihren Werken zu diskutieren. Wir baten den Lyriker, Prosaiker und literarischen �bersetzer Alexander Skidan, der zu den Teilnehmern des Arbeitstreffens z�hlte, um ein Gespr�ch.

Pr�senz der Wirklichkeit in der Literatur � stand dieses Thema im Mittelpunkt des Arbeitstreffens deutscher und russischer Schriftsteller?

Die Wirklichkeit beziehungsweise die Realit�t wurde von vielen als Thema aufgegriffen. In der Prosa von Alissa Ganijewa ist das sehr wichtig. Die Wirklichkeit wird bei ihr �ber die Sprache vermittelt, �ber den Jugendslang. Bei deutschen Schriftstellern geht es zum Beispiel um Spitzel, die selbst auf Rauschgift sind und f�r die Polizei den Drogenhandel ausspionieren sollen, oder um Gewalt in der Schule. Das ist gerade brandaktuell. Wobei das Thema Realit�t eines unter vielen war, nicht das dominierende.

Ist die Wirklichkeit f�r einen Roman und f�r einen Essay ein und dieselbe?

In einem Essay kann man sich der Realit�t auf einem komplizierteren Weg n�hern, mit Kulturreminiszenzen, mit einem Gespr�ch �ber Kunst oder Literatur; das f�hrt hin zur Realit�t. Realit�t bedeutet doch immer ein gewisses Abdriften und eine Art Selbstprojektion. Dieses subjektive Moment l�sst sich schwerlich ausschalten. Und in diesem Sinne hatte Dagmar Leupold einen interessanten Gedanken: Sie griff die ber�hmte These von Roland Barthes auf, der in Bezug auf die Fotografie den Begriff Punktum gebrauchte. Er sprach von Studium und Punktum. Studium ist gewisserma�en etwas Statisches, Feststehendes, Nachvollziehbares, w�hrend Punktum dasjenige ist, das diese Materie des Nachvollziehbaren sprengt und dich verletzt. Dagmar sprach davon, dass dieser Augenblick des Stichs, dieses Punktum, genau der Moment ist, der die Verbindung zwischen uns und der Realit�t herstellt. Das hei�t, man muss genau diesen Punkt finden, wo der Automatismus durchbrochen und die Realit�t zum tiefgehenden Erlebnis wird. Aber das ist eine gro�e Kunst.

Was aber ist Realit�t f�r jemanden, der Schriftsteller ist? Das, wovon die Leute auf der Stra�e reden oder zu Hause in ihren eigenen vier W�nden oder ist es ein bestimmter in der Gesellschaft vereinbarter Konsens?

Das alles ist Teil der Realit�t. Die Realit�t ist eine Konstruktion aus Sprache, aus Beziehungen, die nicht immer offensichtlich sind, sondern verdeckt, aus �konomischen Beziehungen, aus einem komplizierten Geflecht von Pers�nlichem und Kollektivem. Das Prinzip staatsb�rgerlichen oder politischen Handelns muss darin bestehen, diese Komplexit�t in vollem Umfang zu ber�cksichtigen und zu analysieren. Nicht zu behaupten, die Realit�t sei �so� oder �so�. Die �Meinungsmaschine� der Massenmedien produziert st�ndig ein Surrogat der Wirklichkeit: Das ist Diktatur, das ist Totalitarismus, das ist Kriminalit�t, das ist Prostitution, das ist gut und das ist b�se. Wir wissen, dass in Wirklichkeit alles komplex ist, miteinander verwoben und in Widerspr�chen befindlich und dass dieses Gleichgewicht ein sehr instabiler Zustand ist. Die Aufgabe des B�rgers, auch des Schriftstellers und Intellektuellen, ist es, die Mehrdimensionalit�t der Realit�t und die Vielzahl der Interessen wahrzunehmen. Die Gesellschaft ist nicht homogen strukturiert, sie ist vielgestaltig und heterogen, es existieren ganz unterschiedliche Interessen. Und diese Interessen kollidieren, es gibt Widerspr�che. Wir m�ssen diese Widerspr�che entwirren und der Logik der Dinge auf den Grund gehen.

70 Jahre Sozialismus stehen f�r den Versuch den Raum mit plakativen Losungen zu f�llen, f�r den Imperativ der �u�eren H�lle. Bringen diese von der Gesellschaft gemachten Erfahrungen f�r russische Schriftsteller ein zus�tzliches Moment ins Spiel?

In unserer Geschichte, der Literatur und der Kultur insgesamt besteht eine gewisse Gefahr, in Irrationalismus zu verfallen. Auf Reflexion zu verzichten und sich von etwas vereinnahmen zu lassen: In der Politik sind das Emotionen, in der Literatur ist es ein simpler billiger Trick, der den Leser garantiert fesselt und ihn Tr�nen vergie�en l�sst. Man muss der Versuchung dieser einfachen, popul�ren L�sungen widerstehen. F�r mich pers�nlich ist Literatur beziehungsweise Poesie etwas, das hilft sich von diesen Klischees zu entfernen und nach L�sungen zu suchen, die nicht sofort auf der Hand liegen. In sich selbst das zu entdecken, was man vorher nicht kannte. Und was Russland betrifft: Russland und Deutschland haben in der Tat viel Gemeinsames, in Geschichte und Kultur. Die deutsche Kultur hat auf die russische einen immensen Einfluss ausge�bt, aber ich denke, dass im Gegenzug die russische Kultur des 19. Jahrhunderts – Tolstoi, Dostojewski und Tschechow ganz bestimmt, aber auch die Filmkunst und die Poesie – Deutschland ebenso beeinflusst haben. Bei unseren Begegnungen mit den deutschen Kollegen haben wir dar�ber gesprochen, dass wir anfangs bestimmte stereotype Vorstellungen voneinander hatten. Und wir brauchten Zeit und die detaillierte Diskussion, um uns von diesen Stereotypen zu l�sen. Also geraten selbst Menschen, denen diese Mythen von einer Nation, einem Volk und einem Land nicht fremd sind, in die F�nge eben dieser Stereotype. Das hei�t: Man muss st�ndig auf der Hut sein und sich bei diesen simplen, bequemen L�sungen ertappen, sich Einhalt gebieten, indem man sich Zeit nimmt und die M�he macht die Dinge zu �berdenken.

Soeben ist unter dem Titel �Die Summe der Poetik� Ihr Essay-Sammelband �ber die Geschichte der Poesie erschienen.

Alle meine Arbeiten in diesem Buch sind der Poesie und Literatur des 20. Jahrhunderts gewidmet. Das Buch besteht aus drei Teilen: Teil 1 ist der Poesie und den Poeten gewidmet, angefangen bei den Oberiuten, den Avantgardisten Konstantin Waginow und Alexander Wwedenski �ber die �zweite Avantgarde� und Paul Celan bis hin zu den Vertretern der zeitgen�ssischen Lyrik wie Jelena Fanailowa, Arkadi Dragomoschtschenko und Jelena Schwarz. Im zweiten Teil geht es um Prosa, sowohl russische als auch ausl�ndische. Insbesondere schreibe ich dort �ber die Autoren, die ich �bersetzt habe: den amerikanischen Schriftsteller Paul Bowles, Gertrude Stein und Kathy Acker. Im dritten Teil versuche ich allgemeinere Fragen zu stellen, aus dem Bereich, wo visuelle Kunst auf Literatur, Philosophie und Theorie, die politische Theorie, trifft. Ich finde Hybridformen spannend. Meine Essays sind letztendlich eine Mischung aus kritischem Aufsatz, Essay, Lyrik und Prosa; man findet in ihnen auch bestimmte narrative Elemente wie in der Prosa. Auch in der Lyrik interessieren mich Hybridformen, in denen sowohl freie als auch gereimte Verse vorkommen, in denen aber ebenso ein narratives Element pr�sent ist und zugleich die demonstrative Zerst�rung der Narrativit�t wie der Verfremdungseffekt bei Brecht. Ausgehend von einer konkreten Aufgabenstellung, suche ich bereits nach bestimmten konkreten Mitteln, sondiere sie.

Warum haben Sie ein solches Interesse an �semantischen Katastrophen�, an Grenzzust�nden und dem Zustandswandel der Pers�nlichkeit, auch der des Schriftstellers?

Das hat mit dem zu tun, was Dagmar �ber das Punktum gesagt hat. Du musst dein Textmaterial so konstruieren, dass es in einem bestimmten Moment diesen Stich ausl�st, diese Verwundung. Das genau ist dann der Wandel, die semantische Katastrophe. Aber dazu bedarf es einer Vorbereitung. F�r mich ist es sehr wichtig, dass es in der russischen Sprache, in der ich schreibe, Spuren anderer Sprachen gibt. Ich versuche in der Sprache selbst einen kumulativen Effekt dahingehend zu erzielen, dass der Leser mit einem Mal diese Stimmenvielfalt vernimmt, dieses babylonische Sprachengewirr, in dem es neben dem Hebr�ischen auch das Altgriechische gibt. Interessant ist, dass � wenn du die Sprache aufspaltest, diese Katastrophe ausl�st oder anders: die Kernreaktion in Gang setzt � dann pl�tzlich mit einem Mal diese B�ndel anderssprachiger Bedeutungsinhalte hervortreten und die Sprache anf�ngt, sich mit diesen anderen Bedeutungen aufzuplustern, aus den N�hten zu platzen und zu explodieren. Nat�rlich ist das nicht immer von Euphorie begleitet und von Freude. Das kann auch tragisch sein.

Kommen wir zum Thema Wirklichkeit zur�ck. M�ssen wir an ihr Korrekturen vornehmen? Nehmen wir mal die Kritik des Kapitalismus. Inwiefern kann man die Community �Chto delat?� (�Was tun?�) als Projekt zur Korrektur der Wirklichkeit bezeichnen?

Hier geht es um eine Kette von Zusammenh�ngen. Vor allem muss hier von einer konkreten Wirklichkeit gesprochen werden, und zwar dem K�nstlermilieu. Wir haben das Projekt Anfang der 2000er-Jahre gestartet und damals scheuten sich alle vor dem Wort �Politik�. Es widersprach dem guten Ton, besonders im �sthetizistischen und dandyhaften Petersburg.

In der Stadt der drei Revolutionen �

Ja, und vielleicht ist das der Grund, warum im Petersburger K�nstlermilieu so eine apolitische, antisoziale Haltung vorherrscht. Wir haben versucht, Bewegung in diese Situation zu bringen und die Fragen zu stellen, die seit Ende der 90er-Jahre unser Leben wesentlich bestimmen. Wir m�ssen zu den grundlegenden Arbeiten von Marx zur�ckkehren, auch zu denen von Lenin: Die Geschichte des Kapitalismus in Russland zum Beispiel oder Was tun?, geschrieben in der Zeit der ersten russischen Revolution. In Russland hatten sich historisch bedingt immense Widerspr�che herausgebildet: zwischen der gebildeten Klasse und der ungebildeten, zwischen Stadt und Land. Und sie sind nicht verschwunden. In der Sowjetunion wurden diese Probleme nicht gel�st. Die UdSSR �bernahm sie als Erbe vom zaristischen Russland und nun f�hren wir dieses von der Sowjetunion �bernommene Erbe weiter. Kaum jemand unternimmt den Versuch, diesen tiefgehenden Zusammenhang aufzuzeigen. St�ndig sind wir dabei, mit der Vergangenheit zu brechen. Da gab es den Zarismus, das Imperium, das �V�lkergef�ngnis�, und nun errichten wir eine neue Welt� Darin liegt eine gewisse Blindheit. Ebenso blind waren auch unsere Reformer in den 90er-Jahren, die vor der Kontinuit�t der Entwicklung und bestimmten Erblasten die Augen verschlossen. Jetzt wird uns klar, dass diese neue Gesellschaft, dieser freie Markt Ausbeutung bedeutet, Ungleichheit, eine Unmenge von Problemen. Jetzt sehen wir, was mit der Bildung passiert: sie ist nicht mehr f�r alle zug�nglich, sogar Mittelschulbildung stellt sich als kostenpflichtig heraus und Hochschulbildung ist ganz und gar nur etwas f�r Wohlhabende. Das ist eine Katastrophe. Wir haben versucht genau diese Frage zu stellen: nach dem Zusammenhang zwischen der Bildung einerseits und Kunst und Politik anderseits. Wir haben mit Sozialaktivisten, mit Antifaschisten, Feministen und Feministinnen und Vertretern der LGBT-Bewegung zusammengearbeitet. Wir haben versucht zu sondieren, wie man �ber die Kunst all diese Schienen miteinander verbinden kann, die Bildung und die kritischen Stimmen, und Br�cken bauen kann zwischen diesen unterschiedlichen Interessensfeldern, die in unserem Land, in unserem praktischen Leben sehr lange voneinander isoliert waren. Das ist nat�rlich eine Art von Korrektur.

Eine Frage aus einem anderen Bereich: Was halten Sie davon, dass Ihre Literatur und Literatur generell im Internet verbreitet wird, dass man sie dort herunterladen kann, auch illegal?

Ich bin daf�r. Wenn es um popul�re Literatur geht, die Teil der Massenkultur beziehungsweise Kulturindustrie ist, dann lebt der Autor vom Verkauf und sein �konomisches Interesse ist unmittelbar ber�hrt. Hier muss das Urheberrecht in gewisser Weise gewahrt werden. Wobei man zum Beispiel in Schweden und anderen skandinavischen L�ndern diese Dinge sehr klug geregelt hat: Autoren von popul�rer, gut gehender Genreliteratur zahlen fast 70 Prozent Steuern an den Schriftstellerverband und mit diesem Geld werden experimentelle, avantgardistische und junge Lyriker unterst�tzt. Eine sehr richtige Vorgehensweise! Mein Buch ist in einer Auflage von 1000-1500 Exemplaren erschienen. In einem Jahr wird es vergriffen sein. Es wird vorwiegend in Gro�st�dten in die L�den kommen und weder bis nach Pskow noch nach Narva vordringen � Deshalb m�ssen die B�cher parallel dazu frei zug�nglich ins Netz gestellt werden. Mit dem Verkauf des Buches kann ich sowieso nicht reich werden. Deshalb bin ich f�r die Abschaffung des intellektuellen Eigentums in diesem Bereich. Im Internet muss alles verf�gbar sein.

Also sehen Sie im Schaffen gewisserma�en etwas, womit man kein direktes Einkommen erzielen kann?

Das klingt altmodisch, aber es ist besser einen Beruf zu haben, der nichts mit Literatur zu tun hat, und damit sein Geld zu verdienen. Deshalb habe ich 17 Jahre lang in einem Heizwerk gearbeitet. Dann sind dir die H�nde nicht gebunden und du bist als Literat frei.

Alexander Skidan ist Lyriker, Prosaiker und literarischer �bersetzer. 2006 erhielt er f�r sein Buch Krasnoje smeschtschenije (Red shifting) den Andrej-Bely-Preis.

Die Fragen stellte Andreas Fertig.
Goethe-Institut Russland
�bersetzung: Marlies Wenzel
Januar 2013

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