Kunsthalle Emden – von Aquarellmalerei bis zum 3D-Drucker

Posted: February 12th, 2013 | Author: | Filed under: 01 Texte, 07 Alles | No Comments »

Wie wird ein Kunstmuseum ein ganz besonderer Ort für jeden Besucher? Ein Interview mit Claudia Ohmert, Leiterin der Abteilung Museumspädagogik an der Kunsthalle Emden zur Vermittlerrolle der Kunstmuseen.

Frau Ohmert, wie haben Sie zur Kunsthalle Emden gefunden?

Ich bin Malerin und Kulturpädagogin. Schon während meines Studiums war ich immer freiberuflich als Museumspädagogin tätig. Und das hier war im Grunde meine erste Stellenbewerbung nach dem Studium. Es hat sofort geklappt. Das Besondere an unserem Museum ist, dass wir zwei Kreativ-Abteilungen haben: eine Malschule und eine museumspädagogische Abteilung. Für mich war es wichtig, dass ich viel Freiraum für das eigene Arbeiten im Atelier und für Lehraufträge an anderen Hochschulen habe. Man soll sich nicht den ganzen Tag mit demselben Problem befassen. Die Eindrücke von außen sind das, was den Blick schärft. Da ich keine Kunsthistorikerin bin, was normalerweise der “Standard” der Vermittlungsarbeit in Kunstmuseen ist, liegt mir auch der Ansatz, von der Praxis, vom künstlerischen Prozess und nicht so sehr vom Werk und von dessen historischer Einordnung auszugehen.

Welche Besonderheiten gibt es noch in der Kunsthalle Emden?

Wir sind ein Kunstmuseum für expressive Malerei und vermitteln unsere Sammlung an eine breite Besucherzielgruppe. Wir beginnen bei Zweijährigen und hören bei Senioren auf. Bevor das Museum überhaupt gegründet wurde, gab es die Malschule. Für ein Haus ist das ein sehr ungewühnlicher Gang. Die Vermittlung der Kunst gab es dadurch schon bevor das Museum überhaupt entstand und diese wurde in das Leitbild des zukünftigen Museums eingeschrieben. Henri und Eske Nannen, die Museumsgründer, hatten auch von Anfang an die Stichworte “Begegnungsstätte” und “lebendig” hervorgehoben. Es sollte kein Museum werden, was die hohe Kunst zeigt, welche man dann zu verstehen hat. Man animierte die Bürger, vor allem die Bürger der Stadt, mit ihren Wünschen sichtbar zu werden. Es ist auch heute wichtig und wird immer wichtiger, dass wir Angebote für bestimmte Zielgruppen mit diesen Zielgruppen gemeinsam entwickeln. Allein würde ich es von der Position einer vierzigjährigen europäischen Frau machen. Ich kann natürlich mich schwer in zweijährige Kinder oder achtzigjährige Senioren oder Migranten, die in Deutschland leben, hineinversetzen. Man denkt natürlich ganz anders, wenn man Angebote einfach an einem Schreibtisch plant.

Wie wird die Kunsthalle finanziert?

Es ist eine Mischform. Wir sind einerseits privat aus Stiftungskapital und andererseits von der Stadt Emden und dem Land Niedersachsen finanziert.

Welche Fragen ergeben sich aus den derzeitigen Strukturänderungen an den Museen?

Ich glaube, es wird immer klarer, dass die Funktion des Museums als Bildungseinrichtung sich stark verändern muss. Die Kunst ist etwas sehr individuelles. Das ist gerade die Chance eines Kunstmuseums, diese Vermittlerrolle stärker wahrzunehmen. Das Museum ist das Bindeglied zwischen dem Besucher und der Ausstellung und den einzelnen Exponaten. Die Begriffe Interaktion und Partizipation schwirren in allen deutschen Museen. Aber, was begreife ich unter Partizipation? Lasse ich die Leute wirklich mitmachen? Oder lasse ich sie nur im Vorbeigehen irgendwo einen Knopf drücken, lediglich die Antwort “Ja” oder “Nein” abgeben? Was nehmen die Besucher denn aus dem Museum mit, oder wenn sie etwas von sich im Museum hinterlassen können, was verändert sich dadurch?

Wo steht Deutschland in diesem Änderungsprozess im Vergleich zu den anderen Ländern?

Wenn man jetzt zum Beispiel nach London guckt, die Tate Modern sich anschaut, so sind sie da schon viel weiter. Ich denke aber, dass wir auf einem ganz guten Weg sind. Mittlerweile ist es gängige Praxis, als Museum in die Stadtteile rauszugehen und sich mit Outreach-Projekten für das zu interessieren, was die Menschen vor Ort machen. Wir halten die Schwelle sehr niedrig, versuchen, die Leute dort abzuholen, wo sie sind, mit der Hoffnung, dass sie dann irgendwann auch ins Museum gehen.

Wie ermöglicht die Museumspädagogik das persönliche Erleben der Kunst konkret?

Wir haben natürlich auf die Zielgruppen ausgerichtete Angebote. Wir versuchen so früh wie möglich auch mit Institutionen der Stadt in Kontakt zu kommen. Beispielsweise mit Kindergärten, ja sogar mit Krippen. Uns hat die Frage interessiert: Wie früh kann man mit Kindern sinnvoll etwas in einem Kunstmuseum machen? Zusammen mit den Studierenden des Studiengangs “Integrative Frühpädagogik” an der Fachhochschule Emden haben wir ein Praxissemester durchgeführt. Wir haben gemessen, wie lange kleine Kinder, die noch nicht sprechen können, echte Kunstwerke betrachten, und wie lange sie deren Reproduktionen, also Kopien anschauen?

Wir gehen während der gesamten Schulzeit in die Sonderschulen, in Gymnasien und Hochschulen. Dies geschieht institutionsgebunden und zielgruppengerichtet. Wir bereiten Unterrichtsentwürfe vor, damit den Lehrern möglichst vereinfacht wird, mit ihren Schülern das Museum zu besuchen. Während der gesamten niedersächsischen Schulferien haben wir jeden Nachmittag ein Kinderprogramm in den Ausstellungen, bei dem praktische Atelierarbeit mit Malerei, Zeichnung, Theater oder Musik und Führungen durch die Ausstellungen selbst immer verbunden sind.

Im Moment haben wir eine Emil Nolde Ausstellung im Haus. In dem Zusammenhang wollen wir die Besucher ein Stück weit in den künstlerischen Prozess mitnehmen. Es gilt, eine Fragestellung zu finden, die sich an Ausstellungsthema oder an Ausstellungstechnik anbindet. Nolde beschäftigte sich ja mit mythischen Gestalten und Märchenwesen. Wir bitten alle unsere Besucher, Kinder, Jugendliche und Erwachsene, zu erzählen, wie deren eigenes, persönliches Wesen aussieht? Hat es drei Beine, hat es fünf Arme, hat es eine Warze auf der Nase, einen Hut, welche Klamotten? Nach dieser Beschreibung erstellen wir ein 3D-Modell. Dieses wird dann animiert und sogar mit einem 3D-Drucker aus Kunststoff ausgedruckt. Was wir daran zu spiegeln versuchen, ist ein Moment des künstlerischen Prozesses. Viele Künstler werden wahrscheinlich in ihrem Schaffensprozess etwas gegenübertreten, was sie nicht geplant haben. Manchmal findet man es grausam, manchmal wunderschön, manchmal belanglos. Unsere Besucher beschreiben uns etwas ganz genau, dann wird es Wirklichkeit, steht im Museum und wir schauen es uns wieder an. Die Hoffnung ist, dass durch die Möglichkeit des Mitgestaltens das Museum ein ganz besonderer Ort für jeden Besucher wird.

3D-Drucker, Visualisierung… Das ist ja technologisch sehr aufwendig. Welche Möglichkeiten der Kunstvermittlung haben Sie noch?

Wir sind ein vergleichbar kleines Museum, aber neben Ausstellungsfläche besitzen wir eine unglaublich große Anzahl an Ateliers. Sämtliche künstlerischen Techniken können wir dort durchführen, sei es Druck, Grafik, Lithografie, Radierung, alle malerischen Techniken: Aquarell, Acrylmalerei. Alles andere passiert im Rahmen besonderer Projekte, die natürlich immer kofinanziert sein müssen. Wie im Falle des 3D-Druckers. Hier holten wir auch das technische Know-How von der Fachhochschule Emden.

Wie sammeln Sie das Feedback der Stadt? über welche Kanäle kommen die Anregungen zu Ihnen?

Wir haben direkten Kontakt zu den Leuten über einen Newsletter So können wir sie tatsächlich mit einbinden, wir kündigen nicht nur die Ausstellungen, sondern auch zukünftige interaktive Projekte im Voraus an. Sehr oft führen wir qualitative Interviews mit Leuten durch, die intensiveren Kontakt mit unserem Museum haben und an einem oder mehreren interaktiven Projekten teilgenommen haben. Wir möchten erfahren, wie die Bindung an das Haus entsteht. Und logischerweise passiert es meistens über die eigene Aktivierung.

Sie fahren zur Konferenz “Museen in die Zukunft” nach Archangelsk. Was erwarten Sie von dieser Zusammenkunft mit Ihren Kollegen?

Ich war ja schon vor sechs Jahren in Archangelsk und habe dort mit einer Kollegin zusammen ein Seminar gemacht. Damals war ich nachhaltig beeindruckt. Ich fand, dass da ganz tolle Dinge passiert sind. Ich freue mich auf den Austausch und bin gespannt darauf, wie die Interaktion mit den Besuchern gehandhabt wird, wie sehr das in Russland im Fokus steht, welche Fragestellungen und welche Lösungen sie dort haben.

Claudia Ohmert
Leiterin der Abteilung Museumspädagogik an der Kunsthalle Emden

Die Fragen stellte Andreas Fertig.
Goethe-Institut Russland
Februar 2012

Dieser Artikel ist erstmalig auf den Seiten des Goethe-Instituts Russland http://www.goethe.de/Russland/Magazin erschienen.

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