Barbara Morgenstern – Vermona, Konsumkritik und das süße Schweigen?

Барбара Моргенштерн – Vermona, критика общества потребления и сладкое молчание?

In Rahmen der Ausstellung „Musik+X“ trat Barbara Morgenstern im September 2012 in Moskau auf. In diesem Interview erzählt sie über ihren ersten musikalischen Flop, das angebliche Sterben der Elektronischen Musik und über ihre Erfahrungen mit Nick Caves Doppelgängern.

Frau Morgenstern, wie könnte man Sie treffend bezeichnen?

Ich würde sagen: als Komponistin, Keyboarderin, Sängerin, Produzentin und Chorleiterin. Ich bin jetzt niemand, der sich stundenlang hinsetzt und Klavier übt. Dagegen stehen Komponieren und Produzieren für mich eher im Vordergrund. Der Prozess des Machens ist mir sehr wichtig. Deswegen muss Komponistin eher an die erste Stelle.

Was war für Sie der ausschlaggebende Punkt, um das erste Album rauszubringen: die Entdeckung der alten DDR-Orgel namens Vermona? Oder die Berliner Szene mit ihren Wohnzimmerkonzerten?

Songs schreibe ich ja seit meiner Schulzeit. Später kamen aber viele Sachen zusammen. Mit einer Gruppe von Musikerfreunden ging ich von Hamburg nach Berlin. Wir hatten bereits eine gefloppte Plattenvertragserfahrung bei East West hinter uns. Nun, was macht man jetzt? Einer aus meinem Freundeskreis hatte die Idee, Konzerte in seinem Wohnzimmer zu veranstalten. Es gab damals total viele Freiräume. Die Mauer war gefallen und es schien alles möglich zu sein. Im Nachhinein war es eine echt romantische Zeit. Es war so eine Aufbruchsstimmung. Ich entschied mich, die Musik selber zu machen, ohne Label. Gleichzeitig verabschiedete ich mich von dem Bandgedanken und beschloss, solo aufzutreten. Vor meiner Vermona-Zeit habe ich mal ein geliehenes Siel-Keyboard gespielt. Man konnte damit mehrere Rhythmus-Patterns gleichzeitig abfeuern, beispielsweise Walzer mit Disko kombinieren. Ich fand dieses Prinzip genial: Ich starte den Rhythmus, spiele dazu Keyboard und zack! – der Song ist fertig. Das war wohl der ausschlaggebende Punkt.

Den Mauerfall setzt man musikalisch meistens mit der Techno- und Clubkultur in Zusammenhang. Warum ausgerechnet diese Alleinunterhalterallüren?

Techno war nie mein Ding. Also, Drogen sind auch nicht mein Ding. Ich war dann ein oder zwei Mal auf solchen Partys und habe mich immer wie ein Alien gefühlt. Das Buch Der Klang der Familie von Felix Denk und Sven von Thülen habe ich verschlungen. Da tauchten Freunde von mir wie Thomas Fehlmann auf und ich verstand: „Ah, okay, das ist damals passiert. Deswegen ist er da, wo er ist.“ Getanzt habe ich damals zwar viel, aber eher zu Hip-Hop-Musik. Mit Techno konnte ich deshalb nichts anfangen, da mir die Beats irgendwie zu gerade waren. Aber mit der Techno-Szene verband uns die Idee: Ich gehe einfach irgendwohin und mache da was. Es gab unzählige Wochentagsbars: Donnerstagsbar, Mittwochsbar, Dienstagsbar. Und unter demselben Motto – Wir machen es einfach! – fanden auch unsere Wohnzimmerkonzerte statt. In einem intimen Rahmen funktionierte meine Musik perfekt. Ich bin keine Großraumbeschallungsmusikerin.

Das klingt noch überschaubar. Auf Einladung des Goethe-Instituts waren Sie 2003/04 im Rahmen einer Welttournee an insgesamt 34 Orten. Wie verarbeitet man eine solche Erfahrung?

Ich muss sagen, das war ein ganz schönes Brett. Danach bin ich erst in ein Loch gefallen und es folgte ein Jahr Pause. Das war körperlich sehr anstrengend, allein durch den Jetlag. Man hat aber einen unglaublichen Schatz an Orten und neuen Erfahrungen gesammelt. In meinem nächsten Album The Grass Is Always Greener ist sehr viel von dieser Welttournee drin, allein das Cover. Wenn man aber extrem viel unterwegs ist und dann nach Hause kommt, ist man erst mal total auf sich selbst geworfen. Man muss sich im Alltag sortieren: Was mache ich heute? Wer holt mich ab? Wer führt mich in die Stadt?

Wie war auf dieser Tour der postsowjetische Raum vertreten?

Die einzige Station war damals in Sankt Petersburg. Ich war aber später im März 2000 in Moskau beim Frauen-Musikfestival. 2006 war ich noch mal in Russland: zuerst in Murmansk bei einem Kulturfestival und dann mit Hilfe des Goethe-Instituts in Moskau, Saratow und Samara. Bei dieser Reise hatte ich viel mehr Zeit und habe entsprechend viel mehr aufnehmen und erfahren können. In Sankt Petersburg war ich noch mal extra, da gibt es eine große elektronische Szene. In Murmansk hatte ich zu meiner Überraschung eine starke Hip-Hop-Szene entdeckt.

Welchen Eindruck hat Moskau bei Ihnen damals hinterlassen?

Bei meinem ersten Besuch in 2000 hatte ich ein romantisches Bild von gastfreundschaftlicher Wärme, war aber vom Turbokapitalismus doch extrem überrascht. Damals bin ich zunächst in einem Kulturzentrum aufgetreten und anschließend in einem Vereinsclub, wo man pro Jahr eine stattliche Summe zahlt, um überhaupt reinzukommen. Das kannte ich vorher nicht. Gerade die Geschlechterrollen haben mich dort sehr schockiert. Das ist das, was mir immer auffällt und was mich wirklich beschäftigt.

Kapitalismus und Globalisierung werden des Öfteren in Ihren Stücken verarbeitet. Sind diese Songs ein Ventil oder gar ein Appell an die Fans, sich dem Thema zu stellen?

Beides, glaube ich. Wenn ich Musik mache, frage ich mich immer: Was ist mir wichtig? Worum geht es? Was will ich erzählen? Aber die wirklich beglückenden Momente erfahre ich nicht dadurch, dass ich mir irgendeinen Quatsch kaufe. Auf der Welttournee fiel mir auf, wie globalisiert unsere Welt ist. Überall die gleichen Monomarken: Starbucks, McDonald‘s, bla-bla-bla… Es ist einfach schockierend zu erleben, mit welcher Macht der Markt alles gleichschaltet und was dafür vor Ort zerstört wird. Ich verstehe die Gier- und Machtstrukturen dahinter nicht. Aber ich finde schon, dass man sich dagegen wehren sollte. Das ist für mich ein klarer Appell zu sagen: Verweigerung! Das sind Sachen, die mich aufregen, die ich deshalb auch in meinen Texten verarbeite, weil ich das unmenschlich finde. Also, was haben wir davon, mehr zu besitzen? Ich komme gerade nach Moskau hierher und stehe gleich im Stau, umgeben von Geländewagen. Wozu? Was bringe ich meinem Kind bei? Was ist Konsum? Man ist in einer riesigen Maschinerie drin, die uns dazu bewegt, Dinge wegzuwerfen, zu vergeuden, seine Umgebung zu zerstören. Das ist für mich überhaupt nicht erstrebenswert.

Was hat Sie zu Gudrun Guts Label Monika Enterprise geführt?

Ich bin dazu wie die Jungfrau zum Kinde gekommen, denn ich hatte mit Frauennetzwerken nie viel am Hut. Ich meine, als Musikerin machst du eigentlich nur mit Männern Musik. So war das bei mir bisher. Der Gedanke von Monika Enterprise war immer, Frauen rauszubringen. Dabei wurde die Genderkomponente nie in den Vordergrund gestellt. Aber beispielsweise nach dem Konzert sollten sich die Leute am Ende umgucken und sagen: „Hey, es waren nur Frauen in der Band.“

Damals kam Guido Möbius auf mich zu und meinte, dass Monika Enterprise das Label für Wohnzimmerszene sein wird. Gudrun Gut hat das Label gestartet, weil sie diese Szene so sehr an ihre eigenen Sachen aus den 80ern erinnerte, an die damalige Indiekultur. Für mich war das damals irgendwie seltsam. Im Nachhinein aber total angenehm. Wir sind Freunde geworden und ich bin Monika 14 Jahre lang treu geblieben.

Ihre Stimme ist in dem letzten Album wesentlich präsenter als in den früheren Produktionen und Sie singen jetzt in Englisch.

Der Hauptanstoß, in Englisch zu singen, war, dass ich ein Projekt zusammen mit dem Goethe-Institut gemacht habe, bei dem in Englisch verfasste Gedichte afghanischer Frauen nachgesprochen oder -gesungen wurden. Das war total toll. Ich ließ meiner Stimme freien Lauf. Das war auch der Grund zu sagen, dass ich jetzt auch englische Texte schreibe. Heißt aber überhaupt nicht, dass es so bleibt.

Was hat es mit diesem Tanzimperativ bei dem Stück „Kookoo“ auf sich?

Mein letztes Album war sehr akustisch und diesmal wollte ich den Pop-Aspekt herausarbeiten, ein Album für den Club machen. Ausschlaggebend war für mich das tolle 2010er-Album des Hamburger Musikers Pantha du Prince (Hendrik Weber). Beim Hören habe ich festgestellt, dass die Annahme, die elektronische Musik gehe den Bach runter, totaler Quatsch ist. Da habe ich große Lust bekommen, elektronische Beats so zu kombinieren, dass es knallt. Deswegen auch diese Aufforderung bei Kookoo: Tanzt zu dem Song!

Ich muss noch eine Frage zu dem Stück „Night-Time Falls“, Ihren negativen Erfahrungen mit Nick Cave, mit seinem Doppelgänger und mit den russischen Promotern stellen. Welche Erfahrungen wurden in diesem Stück verarbeitet?

Es war ein Traum. Ich habe diesen Traum morgens meinem Freund erzählt und er meinte, dass ich daraus unbedingt ein Lied machen muss. Und so ist es auch geschehen.

Die Zeitschrift „de-bug“ schrieb zu Ihrer ersten Platte: „Mit dieser CD macht sich Monika Enterprise auf den Weg, das deutsche Rephlex zu werden. Alles geht, Hauptsache, es macht Spaß. Die Coolness kommt dann schon von selber.“ Sind Sie seit der ersten Platte cooler geworden?

Ich bin auf jeden Fall selbstbewusster geworden. Ich glaube, das ist einfach die Erfahrung, die man über die Jahre gesammelt hat. Einfach das Wissen darüber, dass es, auch wenn heute nicht mein Tag ist, morgen umso besser weitergeht. Von daher bin ich schon cooler geworden.

Ich bedanke mich bei Ihnen für das Interview.

Ich danke auch.

Die Fragen stellte Andreas Fertig.
Goethe-Institut Russland

Copyright: Goethe-Institut Russland
Online-Magazin „Deutschland und Russland“
September 2012

Dieser Artikel ist erstmalig auf den Seiten des Goethe-Instituts Russland http://www.goethe.de/Russland/Magazin erschienen.

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