Irina Kosterina: Maskulinität und ihre Transformationen

Маскулинность и ее трансформации
Интервью с Ириной Костериной, координатором проекта «Гендерная демократия» фонда имени Генриха Бёлля.

Im Gespräch: Irina Kosterina, Koordinatorin des Projekts „Geschlechterdemokratie“ der Heinrich-Böll-Stiftung, über Feminismus, „Antifeminismus“, Diskriminierung von Männern und Maskulinität.

Frau Kosterina, wie groß ist das Interesse am Thema Geschlechtergleichheit und Feminismus in der russischen Gesellschaft?

Das Interesse an diesem Thema ist sehr groß. Man spürt, dass es die Menschen bewegt. Gender ist so eine Sache, die mit unserem Alltag zu tun hat. Ein ständiger Begleiter, mit dem wir jeden Tag konfrontiert werden. Praktisch jeder Mensch reflektiert über dieses Thema. Für den Feminismus trifft diese Aussage zweifelsohne so nicht zu. In Russland sind zwei Themen noch immer mit einem Stigma behaftet: Das sind die LGBT-Rechte und der Feminismus. Sie stehen irgendwo in der hintersten Ecke und sind mit den allerschlimmsten Vorurteilen belegt.

Inwieweit ist im Rahmen des Konzepts von Geschlechtergleichheit und Demokratie Raum für ein Thema, das unter der Bezeichnung „Antifeminismus“ figuriert? Würden Sie von einer Beschränkung der Rechte von Männern sprechen?

Wenn man allgemein von den weltweiten Trends ausgeht, dann stehen Männer- und Frauenbewegungen in keinerlei Widerspruch zueinander. Weil ihr Wesen nicht darin besteht, dass der Feminismus für Frauen ist und gegen Männer und die Männerbewegungen etwa für Männer und gegen Frauen. Dem ist ganz und gar nicht so. Der Feminismus tritt für Geschlechtergleichheit ein. Und diese Gleichheit schließt die Männer mit ein, weil auch die Männer in verschiedenen Bereichen diskriminiert werden. In Russland ist das beste Beispiel hierfür die Armee. Wir haben eine Wehrpflicht für Männer, jedoch nicht für Frauen.

Inwiefern entspricht der gesellschaftliche Druck, der von der Vorgabe stereotyper Verhaltensmuster ausgeht, der Realität?

Die Diskrepanz zwischen den Normen, zwischen der Vorstellung vom normativen Verhalten des Mannes, das heißt, wie der Mann sein möchte, und seinem tatsächlichen Verhalten ist erheblich. Die Demonstration der eigenen Macht im öffentlichen Raum ist einer der Hauptmechanismen von Maskulinität. Es ist unwichtig, wie du dich zu Hause gibst, es ist wichtig, welches Bild von dir du nach außen projizierst und welches Bild deine Frau von dir nach außen transportiert.

Maskulinität ist heute ein äußerst kompliziertes Phänomen, das zahlreiche Widersprüche aufweist. Einerseits existiert bei uns, vergleichbar mit einem Atavismus, noch die traditionelle Maskulinität, wie sie sich in Gestalt der Sowjethelden niederschlägt und in den Vorstellungen, ein richtiger Mann könne zu Hause alles eigenhändig reparieren, verdiene das Geld und sei immer der Entscheider. Andererseits gibt es eine Menge neue Trends, wie zum Beispiel das Bild des metrosexuellen Mannes, das von Marketingstrategen gezielt aufgebaut wurde. Es gibt andere Bilder des Mannes von heute, die von Hollywoodfilmen oder aktuellen Serien vermittelt werden.

Im Sommer 2011 haben wir eine internationale Konferenz zum Thema „Transformationen von Maskulinität im 21. Jahrhundert veranstaltet“, um das Thema „Maskulinität“ im öffentlichen Raum breiter zu diskutieren. Mit den Problemen von Frauen und ihrer Diskriminierung haben sich in den 1990er- und 2000er- Jahren viele Forscher, Analytiker und Praktiker beschäftigt. Für die Männer hat sich kaum jemand interessiert und im gesamten Zeitraum ist nur ein einziger seriöser Sammelband mit einschlägigen Forschungsergebnissen unter dem Titel „O musche(N)stwennosti“ [deutsch etwa: Über den Mann und das Weibliche in ihm] erschienen. Deshalb waren wir der Meinung, dass es an der Zeit ist, Maskulinität neu zu interpretieren und zu beschreiben, was mit ihr passiert und welche altersbedingten, sozialen und regionalen Spezifika sie aufweist. Fragen der homosexuellen Maskulinität und Machtpraktiken, die Maßstäbe für den männlichen Körper und die männliche Gesundheit definieren, waren ebenso Gegenstand der Diskussion. Des Weiteren gab es drei Beiträge zum Thema Vaterschaft.

Was ist zum Thema „Vaterschaft“ in der russischen Gesellschaft zu sagen?

Viele Männer haben die Vorstellung, dass der Vater derjenige ist, der das Geld verdient, seine Familie versorgt und derjenige, der nur im Ausnahmefall die Rolle des Erziehers übernimmt, indem er sagt: „Warum hast du dich mit Petja geprügelt?! Das macht man nicht!“ Aber zu hinterfragen, was in der Innenwelt des Kindes vor sich geht, was es beschäftigt und was es durchlebt – dazu sind längst nicht alle Männer bereit. Männer in Russland haben selten die Gabe, mit ihrem Kind vertrauensvoll über Gefühle sprechen zu können, weil man der Auffassung ist, für das Emotionale seien die Frauen zuständig.

Wie groß ist in der russischen Gesellschaft die Teilhabe des Mannes an der Geburt? Kann er ihr beiwohnen?

Ja. Immer mehr Männer sind bei der Geburt ihrer Kinder anwesend.

Kann ein Mann eine Beurlaubung in Anspruch nehmen, um sein Kind zu betreuen?

Ja, das kann er, juristisch gesehen ist das möglich, aber in der Praxis machen nur sehr wenige Männer davon Gebrauch. Das ist ein rein kulturelles Problem, das sowohl in den Männern als auch in den Frauen wurzelt. Die Frauen vertrauen dem Mann einen Säugling nicht an. Für die Väter wiederum ist das Bild desjenigen, der einen Säugling versorgt, mit dem Mann nicht vereinbar.

Welche Entwicklungstendenzen sind in letzter Zeit in der russischen Gesellschaft zu beobachten?

Erwähnenswert scheint mir, dass in Russland seit 2011 konservative Tendenzen deutlicher zutage treten. Das fand vor allem Ausdruck in einem Gesetzesentwurf zur Einschränkung der Abtreibungsrechte der Frauen. Das war eine Kampagne, die ein ganzes Jahr andauerte, und die Staatsduma hat diese Änderungspläne in Form zweier Gesetzesentwürfe im Bereich Reproduktionsmedizin und Gesundheit massiv unterstützt. Die russisch-orthodoxe Kirche war an der Ausarbeitung dieser Gesetzesentwürfe unmittelbar beteiligt und fungierte als wichtigster Berater. In Reaktion auf diese Pläne kam es in Moskau und Petersburg sowie anderen Städten Russlands zu öffentlichen Protestaktionen, die zum Teil erfolgreich waren. Die gravierendsten der geplanten Änderungen konnten zum Glück verhindert werden. Beispielsweise die Zustimmungspflicht des Ehemannes zur Abtreibung, was realitätsfremd ist angesichts der Situation, dass viele geschlossene Ehen nur auf dem Papier existieren. Warum die Abgeordneten diese Tatsache in ihre Überlegungen nicht einbezogen haben, ist nicht nachvollziehbar. In Sankt Petersburg ist vor kurzem in zweiter Lesung ein Gesetz gegen homosexuelle Propaganda verabschiedet worden. Viele Menschen unterstützen dieses Gesetz und sind der Meinung: „Ja, ja, das ist alles ganz richtig, weil das so schrecklich ist und zu Unsittlichkeit führt, zum Niedergang unseres Landes.“ Diesem sensiblen Thema wollen wir uns gemeinsam mit unserer Partnerorganisation Wychod (Coming-out) in Sankt Petersburg im Rahmen des Projektes LGBT-Eltern zuwenden.

Inwiefern dient die demografische Entwicklung in Russland diesbezüglich als Argument?

Die demografische Entwicklung ist unser Dauerproblem, die staatlichen Strukturen und die Kirche sind sehr besorgt und bemüht, die Geburtenrate anzuheben. Aber unsere Politiker vernachlässigen hierbei die Erkenntnisse der Experten und begreifen nicht, dass ohne Migranten eine demografische Wende nicht mehr herbeizuführen ist. Die Zeit der Großfamilien und der drei- und vierfachen Mütter ist vorbei. Man kann von den Menschen nicht erwarten, dass sie auf alles andere im Leben verzichten: die Arbeit, soziale Kontakte, Reisen, Selbstverwirklichung. Bei uns herrscht eine ausgeprägte Fremdenfeindlichkeit, die einer angemessenen Adaption von Migranten im Wege steht, und niemand beschäftigt sich mit diesem Problem, alles wird sehr bürokratisch gehandhabt.

Was halten Sie von Ausdrucksformen des Feminismus wie der Band „Pussy Riot“?

Das hat seine Logik, so etwas musste kommen. In der ganzen Welt sind feministische Bands aktiv. Die Gruppe Femen aus der Ukraine genießt inzwischen über die Landesgrenzen hinaus europaweit große Popularität. Über die Band kann man geteilter Meinung sein. Mir gefallen die Methoden von Femen überhaupt nicht, weil man mit sexistischen Praktiken nicht für Geschlechtergleichheit eintreten kann, das bringt nichts. Aber eine gewisse Rolle in der Entwicklung des Feminismus und dessen Propagierung schlechthin haben sie trotz allem gespielt. Auf den Demos, die in letzter Zeit in Moskau stattfinden, gibt es jetzt auch immer einen feministischen Block und sogar mehr als einen. Die Anhänger des Feminismus und die Vertreter der LGBT-Community gehen zusammen. Das finde ich super. Mit der Zeit wird das zu mehr Toleranz führen, einfach als Folge der Präsenz dieser Menschen im öffentlichen Raum. Dann wird den Leuten klar sein, dass diese Teilnehmer nicht zur Demo kommen, um sich zur Schau zu stellen, sondern um die gleichen Anliegen zu vertreten, wie alle anderen auch.

Irina Kosterina über sich und ihre Arbeit: Ich bin Soziologin und beschäftige mich seit langem mit der Genderthematik. 2011 habe ich mit einer Arbeit zum Thema Maskulinität promoviert. Seit drei Jahren bin ich bei der Heinrich-Böll-Stiftung als Koordinatorin für das Programm Geschlechterdemokratie zuständig. Wir arbeiten mit verschiedenen Organisationen in den russischen Regionen, in Moskau und Sankt Petersburg sowie im Nordkaukasus zusammen. Im Rahmen des Programms Geschlechterdemokratie organisieren wir Informations- und Bildungsveranstaltungen, zum Beispiel Gender-Schulungen für junge Aktivisten und Konferenzen, oder wir erstellen Studien. Das Programm ist in der Tat sehr vielfältig. Wir gestalten auch Gemeinschaftsprojekte mit Partnern und arbeiten mit bekannten russischen Internetportalen wie polit.ru und chaskor.ru zusammen, auf denen wir unsere Beiträge veröffentlichen.

Die Fragen stellte Andreas Fertig.

Übersetzung: Marlies Wenzel
Copyright: Goethe-Institut Russland
Online-Magazin „Deutschland und Russland“
Februar 2012

Dieser Artikel ist erstmalig auf den Seiten des Goethe-Instituts Russland http://www.goethe.de/Russland/Magazin erschienen.

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