Sasha Khizhnyakov: Ich bin mein eigener Trendsetter

К русской версии интервью: Саша Хижняков – я сам для себя трендсеттер.

Im Gespräch: Sasha Khizhnyakov – DJ, Producer, Inhaber des Labels Electronica und Mitinhaber weiterer Labels, Resident bei Radiosendern und Teilnehmer zahlreicher Festivals – über Trendsetter, Sibirien, Radio, Musik und natürlich sein Label Electronica.

Sasha, erzähle bitte, wie es bei dir mit der Musik angefangen hat.

Ich habe im Gebiet Irkutsk gelebt, in einer Siedlung städtischen Typs mit zirka 5000 Einwohnern, 100 km von Irkutsk entfernt. Die Stadt Irkutsk erschien mir damals riesig und beeindruckte mich mächtig: Die Jugend dort war anders, freier bei der Wahl ihrer Kleidung, der Musik, der Hobbys und bei allem anderen! Irgendwie lockerer! Und natürlich gab es jede Menge mehr Musikfans, mit denen ich die gleichen musikalischen Leidenschaften teilte. Was die Musik betrifft, so gehörte sie von Kindheit an zu meinem Leben, intensiver begann sie mich aber im Alter von etwa zehn Jahren zu interessieren. Ich versuchte, meinen eigenen musikalischen Geschmack zu entwickeln, meine Neigungen. Ich versuchte Gitarre spielen zu lernen, zwei-drei Unterrichtsstunden, das war‘s; ich bin sogar zum Gesangsunterricht gegangen, aber das war alles nichts von Dauer! Letztendlich habe ich keine musikalische Ausbildung. Ich bin faul. Mir gefällt es, Unbekanntes mit meinen eigenen Methoden zu erschließen, ich bin Autodidakt. Das gilt sowohl für das Tanzen, dem ich fünf Jahre gewidmet habe, als auch für die Musik, bei der ich bis heute geblieben bin. Eines muss ich sagen: Es war sehr schwierig mich „fit“ zu halten, auf dem Laufenden, was die Electro-Szene angeht. Mit der Presse war es eine Katastrophe – die Zeitschriften kamen bei uns mit großer Verzögerung an und vom Internet hatte ich zunächst auch keine Ahnung. Meinen ersten Computer bekam ich mit 13-14 Jahren und all die Nächte mit dem Dial-Up-Modem werde ich so schnell nicht vergessen. Diese unglaubliche Informationsflut stellte mein Leben auf den Kopf. 2005 wurde ich Blogger und konnte damals natürlich nicht ahnen, dass sich alles einmal so entwickeln würde, wie es dem Stand von heute entspricht.

Wie kam es, dass der passive Musikfan eine aktive Position bezog?

Während meiner aktiven Zeit als Breakdancer von 2000 bis 2004 machte ich Mixtapes für unsere Truppe und auch für andere. Nach der Mixtape-Etappe betätigte ich mich als Beatmaker für lokale Hip-Hop-Gruppen, spielte auf Feten. Aber die ganze Zeit über war ich verrückt nach House Music! Zu Hause hörte ich ständig Daft Punk, Inner City, Moodymann, RIP Production, Romanthony, Kerri Chandler und all die anderen Giganten aus der Zunft von Garage, Chicago und Detroit. Schon damals hat sich in mir der „Traum“ festgesetzt, Discjockey zu werden! Den endgültigen Entschluss in die Musik zu gehen fasste ich, als ich mich im Training vor einem anstehenden Wettkampf verletzte. Es war ein sehr schwieriger Weg! Die Clubkultur in Sibirien erlebte gerade ihren zweiten Boom und das bedeutete, dass meine Wunschvorstellungen sich nicht so einfach verwirklichen ließen. Aber für mich stand fest, dass ich nicht mein ganzes Leben nur dasitzen und mich aufs Träumen beschränken würde. Mein erster Club war „Objekt 01“, einer mit Kultstatus, der für alle in Sibirien unvergesslich ist. So ähnlich wie der „Mix“ für Moskau! Kurz gesagt: Meine Versuche mich hinterm Pult zu erproben endeten immer mit derselben Antwort: „Wir haben keine freien Termine. Bei uns stehen die DJs Schlange, es gibt Mord und Totschlag. Alle wollen hier spielen.“ Ich fing an zu verschiedenen Festivals zu fahren, in die Szene abzutauchen, meinen musikalischen Geschmack zu vervollkommnen. Nach einem Jahr wilder Partys hatte ich die Hoffnung fast schon aufgegeben.

… und wie ging es dann weiter?

Ich nahm an einem der größten Open Airs in Sibirien teil, am Festival „Biopole“ (deutsch: Biofeld) am Baikalsee. Zu diesem Event reisten die besten DJs und Producer aus dem Gebiet Irkutsk an. Im ersten Jahr ließ man mich nicht auftreten, aber im Jahr darauf, 2007, schrieben mich die Veranstalter auf eigene Initiative an: „Wir kommen auf deine Bewerbung vom Vorjahr zurück und möchten dich beim Festival hören und dich einladen!“ Meine Freude war riesig! Während meines Auftritts war ich schrecklich aufgeregt! Mir hörten gewissermaßen alle “Schwergewichte“ der Szene zu und hinzu kam, dass ich mir als Blogger seit 2005 mit einigen von ihnen „Gefechte im Netz“ geliefert hatte. Nach dem Liveset kamen wir miteinander ins Gespräch, alle waren wirklich cool und unkompliziert. Wir hatten den gleichen Geschmack und die gleichen Interessen. Bei dieser Gelegenheit lernte ich auch Denis Virus, meinen ärgsten „Netzkontrahenten“ kennen, der für mich zum Techno-Guru wurde. Zwei Jahre später wird er zu Gast in der ersten Ausgabe meiner eigenen Radioshow sein!

Ja warum denn nun Radio?

Nach diesem Festival war mir klar, dass alles möglich ist und ich am Ball bleiben muss. Da mir der Zugang zu den Clubs von Irkutsk verwehrt blieb, ging ich einen anderen Weg. Wenn schon kein Discjockey, dann eben Radiojockey! Nach Abschluss der Berufsausbildung fing ich als Tonregisseur bei einem lokalen Rundfunksender an und kurz darauf moderierte ich schon das reguläre Radioprogramm, später startete ich dann eine eigene Show. Das erste Mal ging die Radioshow „Electronica“ am 12. Oktober 2007 auf Sendung. Titel und Logo entstanden in nur fünf Minuten! Die Show bestand aus zwei Teilen: im ersten stellte ich den Hörern neue Platten und ihre Autoren vor, im zweiten gab es Mixe von Gast-DJs und Interviews. Alle Aufzeichnungen der Shows veröffentlichte ich in meinem Blog als Podcasts. Bald stellte ich fest, dass man in Foren und Blogs über die Show spricht. „Irgendein Sascha, dieser Blogger-Narr in der Nähe von Irkutsk, lässt es freitags von 11 bis Mitternacht technomäßig „krachen“!“ In Irkutsk selbst gab es mehrere Radioshows, eine davon brachte Drum’n’Bass, eine andere billigen Electro House. Die Drum’n’Bass-Show gibt es übrigens immer noch, seit nunmehr 15 Jahren. Die Show heißt „Debri“ (deutsch: Dschungel). Ihr Autor Sascha Silin macht das super! Ich freue mich sehr, dass es mir gelungen ist mit ihm zusammen beim selben Rundfunksender zu arbeiten und dass ich Gast seiner Show sein durfte. Solche Leute schätze ich sehr. Letztendlich hat mir meine Radioshow „Electronica“ die Türen vieler Clubs geöffnet, darunter auch „Objekt 01“.

Und wie kam es zu den Releases?

Nach einem halben Jahr beim Rundfunk ging am 1. Mai 2008 mein erstes Release zur Unterstützung meiner Radioshow online.

Und wie hast du von Creative Commons erfahren, der Idee zur legalen kostenfreien Verbreitung von Musik?

Mir waren einfach einige Labels im Internet aufgefallen, „Fragment“ aus Moskau zum Beispiel, und mir wurde klar: Das kann ich auch! Ich habe viele von meinen Freunden, Bekannten und Mitstreitern herausgebracht. Dann war das Musikrepertoire der Jungs vor Ort erschöpft und ich schrieb Briefe an meine Idole, in anderen Städten. Mein erster „Sieg“ war das Release von Lazzich!

Wie ging dein Umzug nach Moskau vonstatten?

An einem bestimmten Punkt wurde mir klar, dass ich mit meinem Projekt in Sibirien nicht weiterkomme! Entweder ich bleibe da und gebe das Projekt auf oder ich gehe weg und hauche ihm damit neues Leben ein! Außerdem hatten sich meine Neigungen geändert und damit auch meine Ansichten! Wenn man sich meine ersten 30 Releases anhört, werden sofort meine Handschrift und mein Drive deutlich! Wenn der Hörer etwas Ähnliches hören wollte, brauchte er einfach nur auf das nächste Release zu warten. Jetzt ist alles anders! Das Label ist vielfältiger und spannender geworden. Ich habe begriffen, dass man sich nicht auf etwas festlegen darf, sonst geht das Interesse des Publikums verloren genauso wie mein eigenes. So ist es dann auch gekommen! Irgendwann wollte ich sogar mit allem aufhören, als ich schon in Moskau war. Am Anfang war es leicht: alles super, persönliche Bekanntschaften, wir machten ständig irgendwelche Aufnahmen, tauschten uns aus. Ich wurde überallhin eingeladen, um zu spielen. Aber ein Jahr nach meinem Umzug geriet ich unter psychischen Druck. Mein persönliches Leben trat in den Vordergrund. Die Stadt fing an mich zu belasten, ihre Dimensionen und ihre Gesichter und anderes mehr. Meine Ambitionen gerieten mit ihr in Kollision! Auf Twitter schrieb ich: „Schluss, ich höre auf! Dank an alle!“ Aber ich habe nicht aufgehört. Ich musste mir einfach eine Auszeit nehmen und mit mir ins Reine kommen! Ich bin in eine andere Wohnung gezogen, habe meinen Bekanntenkreis gewechselt, bin in andere Clubs gegangen. Bei meinen musikalischen Vorlieben habe ich auch einen Wechsel vollzogen, genauso wie ich das Design meiner Internetseite verändert habe und das Design aller Cover. Auch den Kreis der Künstler erneuerte ich.

Ich habe den Eindruck, dass sich das Label im Jahr 2012 in Richtung Partyformat entwickelt hat.

In Richtung Tanz. In letzter Zeit konzentrieren wir uns mehr auf die Tanzkomponente des Labels. Warum ausgerechnet Tanzen? Die intellektuelle Belastung, die vom Label ausgeht, hat mich müde gemacht. Und alles einfach nur so im Netz zu verteilen ist langweilig geworden! Na gut, da habe ich ein Release herausgebracht, lese die Kommentare, Rezensionen und das war’s! Ich wollte mir unser Publikum gern einmal persönlich anschauen. So kam es zu den Showcases. Jetzt finden die Labelpartys und die Auftritte unserer Künstler in verschiedenen Städten Russlands und der gesamten GUS statt. In diesem Sommer sind wir bei Festivals wie Ferma Festival, KaZantip, Wosmoje Tschudo (deutsch: Das achte Wunder) und einer Reihe von Partys in Moskau dabei. Für mich erlebt das Label im Moment sowieso eine zweite Geburt. Ich trete in eine neue Phase ein! Die Zahl Fünf beim Jubiläum des Labels hat mich wahrscheinlich darauf gebracht und ich bin sehr froh darüber! Froh, dass sich dem Label sehr viele coole junge Leute anschließen.

Kommen wir noch mal auf deine Pläne zurück …

Ich habe schon viele Releases beisammen, ein Teil ist bereits fertig. Die Cover müssen noch fertiggezeichnet und das Mastering beendet werden. Die Cover mache ich jetzt selbst, manchmal gebe ich dem Autor des Releases selbst Gelegenheit für einen Coverentwurf. Ich möchte dabei keine fremde Hilfe in Anspruch nehmen, weil niemand es so machen kann, wie ich es will. Was das Mastering betrifft, so macht das Timur Aminow, schon seit ein paar Jahren. Ein wunderbarer Mensch und Meister seines Fachs! Und überhaupt habe ich natürlich den Wunsch ein Team zu formieren, denn das Label zu betreiben ist doch anstrengend. Aber ich gehe zu aufgeregt an die Sache heran. Neben dem Label schreibe ich Musik, die von westlichen Labels und von Labels meiner Freunde veröffentlicht wird. Ich manage einige Musikprojekte und bin weiterhin in den Massenmedien aktiv, aber das ist etwas ganz anderes als Musik.

Hast du eigentlich den Wunsch dein Label auf internationaler Ebene zu betreiben?

Diesen Wunsch hatte ich irgendwie von Anfang an und ich arbeite daran. Jetzt hilft mir der unabhängige Experte David MacFadyen, Autor des Projekts Far from Moscow. Es ist angenehm zu erleben, dass solch ein Profi deine eigene Arbeit wertschätzt. Aber im Prinzip war das Label von Anfang an international: zu seinen Musikern gehören Franzosen, Deutsche, Chinesen, Japaner und andere Nationen!

Danke für das Interview, Sasha

Update 2013: Nach einem halben Jahr Arbeit im Studio hat Sascha Chischnjakow auf seinem Konto schon mehrere Vinyl-Releases zu verbuchen, die in Europa kolossalen Zuspruch fanden. Im Frühjahr 2013 war Sascha beim Label von Radio Bongo aktiv, das unter der Leitung von GusGus höchstpersönlich steht! Im Moment bereitet Sascha seine neuen Titel zur Veröffentlichung bei den Labels Apparel und Plant 74 vor. Wenn keine Auftritte oder Arbeit im Studio anstehen, betreibt Sascha Chischnjakow weiterhin aktiv sein Label Electronica.

Sasha Khizhnyakov ist DJ, Producer, Inhaber des Labels Electronica und Mitinhaber des Labels Compromat; Künstler der Labels Houseworx (DE), Godzilla Kebab (RU), Radio Bongo (IS); Resident der Rundfunkstationen RTS.FM Moscow, SCEEN.FM (DE), Friendly Vibes und der Moskauer Clubs Rodnya und Joys; Gast-DJ in Moskauer Clubs, unter anderen Solyanka, Arma17, Shanti, Paparazzi, Plunk, Products, MiniBar, Gazgolder, Vozduh, 6/2, Colors, St. Petersburger Clubs: Jesus, Mishka, BarakObamaBar, Easy Bar, More und in Clubs weiterer Städte Russlands und der gesamten GUS; Teilnehmer der Festivals Ultramusic, Ferma, Digital Act, Experience, Wosmoje tschudo, Blow Up Outdoor.

Die Fragen stellte Andreas Fertig.

Copyright: Goethe-Institut Russland
Online-Magazin „Deutschland und Russland“
August 2013

Übersetzung: Marlies Wenzel

Dieser Artikel ist erstmalig auf den Seiten des Goethe-Instituts Russland http://www.goethe.de/Russland/Magazin erschienen.

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